WDR setzt auf Diversity Management während sein Multikulti-Radio zum Mainstreamsender wird

Der WDR verfolgt zukünftig einen vernetzten Diversity-Ansatz. Dieser soll auch ein neues Verständnis fördern: Vielfalt als Potenzial und Motor für Kreativität. Zuvor hatte der WDR sein multi-kulturelles Radioprogramm „Funkhaus Europa“ deutlich beschnitten. Ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Tom Buhrow, neuer Intendant des WDR seit Juli 2013 stellt das neue Diversity-Konzept mit starken Worten vor: „Die wichtigste Ressource des WDR ist seine Vielfalt“. Von einem professionellen Diversity Management profitierten alle Seiten: die Mitarbeiter ebenso wie das Unternehmen und das Publikum, so Buhrow, für den der WDR damit „die langjährige Tradition und Kultur des Hauses fortsetzt, gesellschaftspolitische Entwicklungen aufzugreifen”. Zu den aktuellen Entwicklungen gehören zweifelsohne Migration und Globalisierung. In diesen Themenbereichen produziert der WDR (federführend) ein herausragendes Format, das bereits Preise für Vielfalt gewonnen hat: Funkhaus Europa. Kurz nach seiner Wahl zum Intendanten des WDR setzte Buhrow Sparziele unter anderem bei diesem Sender um, in höchst umstrittener Art und Weise. Dabei wurden z. B. viele der kulturell vielfältigen Klänge der zuvor sendertypischen Weltmusik gegen geschmeidige Chartkonserven ausgetauscht, was einen Sturm der Entrüstung nicht nur in sozialen Netzen auslöste. Angeblich soll der Sender mit der Mainstream-Strategie Hörer hinzu gewinnen. Viele bezwiefeln allerdings, dass die Rechnung aufgeht und befürchten zudem, dass Funkhaus Europa sein Alleinstellungsmerkmal – und damit womöglich seine Existenzberechtigung – verliert.

In einem Diversity-Kontext kann eine solche Diskrepanz problematisch sein, wie Diversity-Experte Michael Stuber illustriert: “Das ist so als wenn eine Bank oder ein Telekommunikationskonzern sein elaboriertes Ethno-Marketing einstellt und nur noch ein paar fremdsprachliche Flyer anbietet, um dann drei Monate später mit internen Diversity-Botschaften anzutreten,”. Die Privatwirtschaft hätte an damit ein großes Glaubwürdigkeitsproblem, so Stuber. Das könnte beim WDR auch so gesehen werden.

Denn Buhrow ist auch Vorsitzender des Kuratoriums der CIVIS Medienstiftung, die den prominent unterstützten Medienpreis gleichen Namens verleiht. In seiner Ansprache bei der Gala 2016 betonte Buhrow, dass angesichts von (…) Vorurteilen (…) sowie einer erheblichen Zunahme fremdenfeindlicher Anschläge und Übergriffe große Herausforderungen auf die Medien zukämen. Es gelte, die richtige Balance zu finden, aktuelle Entwicklungen, aber auch (…) rechtsradikale Gefährdungen ebenso offen anzusprechen wie Erfolge und Misserfolge der Integration.

Dass „sein“ Funkhaus Europa ein unschätzbares Vehikel in diesem Kontext ist und kulturelle Vielfalt bundesweit positiv vermitteln könnte – dieses Potenzial scheint Buhrow nicht zu sehen. In der Flüchtlingsdebatte könnte der WDR frühere Partnersender (bundesweite ARD Anstalten) reaktivieren, die das Programm nach seiner Gründung eine Zeitlang ebenfalls ausgestrahlt und mitgetragen hatten. Die Integrationsbeauftragte des Bundes hätte ihm vielleicht bei der Suche nach weiteren Partnern behilflich sein können. Vieles wäre besser – und opportuner – gewesen als die Rasenmäherkürzungen, die so viel Kritik ausgelöst haben. Und das neue Diversity Management des WDR könnte mit einem sogenannten Leuchtturm für “Diversity” im Kerngeschäft des Seners aufwarten.

Für dieses neue Diversity-Konzept verbindet der WDR die Arbeit des Integrationsbeauftragten, der Gleichstellungsbeauftragten und der Schwerbehindertenvertretung zu einem gesamtstrategischen Ansatz und setzt eine Diversity-Managerin ein. Damit geht der Sender deutlich weiter als die meisten öffentlich-rechtlichen Einrichtungen. Bereits 2014 hatte die Geschäftsleitung einen Prozess in Gang gesetzt mit dem eine zeitgemäße Organisationskultur geschaffen und konsequent auf Chancengleichheit gesetzt werden sollte. Der neue Diversity-Ansatz reicht nun „von der Gleichstellung von Frauen und Männern über die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund bis hin zur Akzeptanz unterschiedlicher Formen sexueller Orientierung“, so eine WDR Mitteilung.

Als neue Diversity-Managerin wurde Britta Frielingsdorf berufen. Sie leitete seit 2008 die Hauptabteilung Zentrale Aufgaben Hörfunk und koordinierte in dieser Funktion zahlreiche programm- und direktionsübergreifende Projekte. Die studierte Soziologin legte bereits während ihres Studiums in Mainz, Frankfurt und Madrid einen gesellschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt auf Gender Studies, Chancengleichheit und Medienwirkung. 1990 wechselte Britta Frielingsdorf in die Medienforschung des WDR und betreute dort auch die ersten Studien zur Mediennutzung von Migranten.

Die Themenpalette des neuen Diversity-Managements des WDR wird von Funkhaus Europa routiniert bespielt. Es bleibt zu hoffen, dass dies genutzt wird und zur Geltung kommt.

http://de.diversitymine.eu/funkhaus-europa-preis-fuer-vielfalt/