Umfrage: Antisemitismus in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz schürt Ängste in Europa

Gut 70 Jahre nach der Befreiung Europas und Deutschlands von der unmenschlichen
nationalsozialistischen Diktatur sollten antisemitische Haltungen und Handlungen der dunklen
Vergangenheit angehören. Dies entpuppt sich leider als Wunschdenken, wie eine erstmals in der EU
durchgeführte Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) unter 5.850
europäischen Juden aus acht Ländern zeigt. Der Bericht legt Beleidigungen, Diskriminierung und körperliche Gewalt gegen jüdische Europäer offen und empfiehlt den Entscheidungsträgern in der EU, aktiv für eine friedliche und angstfreie Umgebung der jüdischen Gemeinschaften zu sorgen. Überraschenderweise verfügen nur 13 der derzeit 28 europäischen Mitgliedsstaaten überhaupt über eine zentrale Datensammlung zu antisemitischen Vorfällen. Selbst diese Statistiken können aufgrund unterschiedlicher Inhalte und Ansätze kaum miteinander verglichen werden. Die jetzt durchgeführte Online-Umfrage macht die Situation in Belgien, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Italien, Lettland, Schweden und dem Vereinigten Königreich vergleichbar; laut FRA leben 90% der europäischen
Juden in diesen 8 Staaten. Zudem wirft die Umfrage Licht auf die Dunkelziffer nicht erhobener Fälle
von Antisemitismus.
Auch wenn die erhobenen Zahlen aufgrund des Studiendesigns nicht repräsentativ sind, lassen sie
doch die Alarmglocken schrillen: Zwei Drittel der Befragten nehmen Antisemitismus als großes oder
sehr großes Problem in ihrer Gesellschaft wahr, und 76% der Befragten glaubt, dass sich der
Antisemitismus über die letzten fünf Jahre verschlimmert hat. Ähnliche Werte ergeben sich für die Wahrnehmung der Online-Welt. Jeder Fünfte (21%) berichtete von mindestens einem
antisemitischen Vorfall im vorangegangen Jahr, entweder verbal oder sogar körperlich (bei 4% der
Befragten). Dies erzeugt verständliche Angst in den jüdischen Gemeinschaften und
länderübergreifend befürchtet rund die Hälfte der Befragten Opfer von Diskriminierung und
Angriffen zu werden, weil sie jüdisch sind. Zwischen den Ländern zeigen sich deutliche
Unterschiede. Während eine klare Mehrheit der französischen und belgischen Juden befürchtet,
Opfer eines antisemitischen Vorfalls zu werden, ist dies für weitaus weniger Befragte in Italien,
Schweden und Großbritannien der Fall. Die deutsch-jüdischen Befragten liegen leicht über dem
europäischen Durchschnitt.
Auf Basis der Ergebnisse entwickelte die FRA einige Empfehlungen für Politik und Gesellschaft.
Zunächst sei eine Ausdehnung der Kooperation und Koordination aller öffentlichen und privaten
Institutionen notwendig. Eine systematisch erhobene europäische Datenbank zu antisemitischen
Vorfällen und Verbrechen muss ebenfalls eingerichtet werden, und die jüdische Bevölkerung muss
aufgefordert werden, ihre Erfahrungen mitzuteilen, Hilfe zu suchen und Diskriminierung zu melden.
Auch müssen Mittel und Wege gegen Antisemitismus im Internet entwickelt werden.
Unternehmen müssen ebenfalls ihre Verantwortung wahrnehmen. Die FRA stellte fest, dass sich die
meisten antisemitischen Vorfälle am Arbeitsplatz (11% aller arbeitenden Befragten) oder während
des Bewerbungsprozess (10% aller arbeitssuchenden Befragten) ereignen. “Zu viele Menschen
glauben an die immer wieder propagierte säkulare Wirklichkeit”, stellt der Diversity-Experte Michael
Stuber fest. “Dabei bemerken die meisten westlichen Gesellschaften nicht die impliziten christlichen
Normen und Annahmen, die sehr schnell implizite oder konkrete Nachteile und Vorurteile
beispielsweise gegen Juden und Muslime erzeugen.“ Religiöse Aspekte sollten daher dringend auf
der D&I-Agenda stehen, insbesondere wenn es um die Unternehmenskultur geht.