STARRE DEUTSCHE GESCHLECHTERROLLEN

Veränderung beginnt mit Selbstreflexion. Doch anstatt uns die herrschenden traditionellen Bilder der Geschlechter bewusst zu machen, reproduzieren wir in Deutschland stereotypische Rollen von Frauen und Männern gerne unreflektiert und daher häufig. Zu häufig, um den immer zahlreicheren Einzelbeispielen für ausgewogene Gender-Realitäten eine Bedeutungschance zu geben. Eine neue, rosa verpackte Süßigkeit „nur für Mädchen“ und Olympioniken vom Deutschen Olympischen Sportbund (DSOB) in hellblau (Männer) und rosa (Frauen) gekleidet bilden drastische, aktuelle Beispiele für die Förderung klischeehafter Geschlechtertrennung. Quoten-orientierte TV-Sender unterstützen derweil die verfestigte öffentliche Wahrnehmung mit Formaten wie ‚Typisch Mann–Typisch Frau’ oder einer steinzeitlich einfältigen Werbung für die Sportschau. Dass sich Deutschland im internationalen Vergleich gender-technisch wieder und wieder lächerlich macht und nicht selten ‚vorgeführt’ wird, vermag die germanische Selbstüberschätzung angesichts manch bemerkenswerter Erfolge in einzelnen Disziplinen kaum zu erschüttern. Frei nach dem Motto: Solange wir wirtschaftlich erfolgreich sind, können wir uns gesellschaftliche Rückständigkeit erlauben. Mancher mag insgeheim vermuten, beides hinge zusammen. Die große Frage bleibt: Was ist schlimm daran, Geschlechterunterschiede zu benennen, die zweifelsfrei vorhanden sind? Will nicht ‚Gender Diversity’ die Verschiedenheit positiv zur Geltung bringen? Eben darin liegt die Tücke: Es ist vor allem eine Frage der Wertigkeit, gerade in der Darstellung der Geschlechter. Während ein Großteil der TV-Dokumentationen bestaunenswerte Errungenschaften fast ausschließlich im männlich-technischen Umfeld darstellen, werden weibliche Umfelder meist hilfsbedürftig oder dümmlich und auf Äußerlichkeiten fixiert präsentiert. Eine Reihe von Inhaltsanalysen beweist diese Schieflage mit deutlichen Zahlen. Zusätzlich zu der starren Zuweisung von Rollen schleichen sich subkutane Negativ-Effekte ein: Durch das neue rosa Ü-Ei wird das bisherige, das „normale“, automatisch zum männlichen. Wir müssen daher zuerst diesen, in der Gesellschaft konstruierten Wertigkeitsunterschied beseitigen und einenAusgewogenheit in der Bedeutungsinterpretation von geschlechtsspezifischen Aspekten herstellen bevor wir Unterschiede zwischen Mann und Frau (wieder) betone
n dürfen. Bis dahin bleibt eine deutliche Schere zwischen den umfangreichen Anstrengungen von (Personal-)Wirtschaft und Politik für Gender Equality einerseits und einer massenorientierten Ausbeutung von Geschlechterunterschieden durch Marketing/Werbung und Medien andererseits. Es ist überflüssig, darauf hinzuweisen, wer hier am längeren Hebel sitzt …
Ihr

Michael Stuber