Protektionistische Barrieren verschwinden zugunsten der Nutzung von Flüchtlingstalenten

Jung, begabt und fleißig – und dennoch kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dies ist die Situation vieler junger Flüchtlinge in Deutschland. Denn bürokratische Barrieren verhindern die Nutzung der Potenziale. Das soll sich nun ändern. Orientierung und Perspektiven schaffen, das ist das Ziel eines Ende Juli durch das Bundeskabinett gefassten Beschlusses. Demnach bräuchten Asylsuchende künftig keine Genehmigung der Bundesagentur für Arbeit mehr, um ein Praktikum absolvieren zu können. Ein kleiner Schritt und eine große Chance zur gesellschaftlichen Integration von Flüchtlingen und zur Nutzung neuer Potenziale für Arbeitgeber.

Kaum ein Tag vergeht im Sommer 2015, an dem nicht über den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland debattiert wird. Das Meinungsspektrum reicht von der Aussetzung des Schenge-Abkommens bis zur Gründung einer Online-Universität für Flüchtlinge. Letzteres zeigt, dass es hier nicht nur um Politik und Menschenrechte geht, sondern um mehr: Wie können Talente in eine Gesellschaft integriert und insbesondere den Arbeitsmarkt integriert werden? Praktika, ein Schlüssel zum Einstieg in Beschäftigung, wurden Flüchtlingen bislang so gut wie vollständig verwehrt. Zwar konnten Sie sich bewerben, doch musste die Bundesagentur für Arbeit zustimmen und zuvor prüfen, ob es KandidatInnen gab, die „ein Vorrecht“ auf den Praktikumsplatz hatten – also alle Deutsche, EU-Bürger und Blue-Card-Besitzer. Vergangene Woche beschloss das Bundeskabinett eine Änderung der Beschäftigungsordnung mit der Flüchtlingen und Geduldeten, sofern sie gute Bleibeperspektiven haben, der Zugang zu Pflichtpraktika, Orientierungspraktika und ausbildungs- oder studienbegleitenden Praktika mit einer Dauer von jeweils bis zu drei Monaten erleichtert wird. Dies ist Teil einer ganzen Reihe von Neuregelungen, mit denen seit dem vergangenen Jahr und in naher Zukunft der Arbeitsmarktzugang und damit die gesellschaftliche Integration von Flüchtlingen vereinfacht und verbessert werden sollen.

Die Regelung bildet einen guten Einstieg, um Arbeitgebern eine möglicherweise vorhandene Skepsis zu nehmen. Insbesondere in Anbetracht der schätzungsweise 20.000 unbesetzten Auszubildenden-Stellen in deutschen Handwerksbetrieben im Jahre 2015 erscheint dies dringlich. Zumal viele der von hier aufgewachsenen Jugendlichen verpönten Berufe in den Herkunftsländern junger Flüchtlinge deutlich positiver besetzt sind – Bäcker etwa, ist ein angesehener Beruf in Syrien oder dem Irak. Und auch die IT-Branche wäre dankbar um weitere Talente, die freie Stellen besetzen könnten. Doch dem würden immer wieder Steine in den Weg gelegt werden, klagt Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Qualifizierte Flüchtlinge müssten für den Antrag auf eine Arbeitserlaubnis nach dem Zuwanderungsrecht in ihr Heimatland zurückreisen. Eine offensichtlich abstruse Forderung an einen Menschen, der gerade vor einem Bürgerkrieg geflohen ist.

Die gesamte Diskussion mutet bizarr an, denn Arbeit stellt einen zentralen Schlüssel dar, um Menschen in eine Gesellschaft zu integrieren. Dass zumindest jungen Flüchtlingen einen schnelleren Weg wenigstens in ein Praktikum ermöglicht wird, ist hierbei ein kleiner aber wichtiger Schritt. Die deutsche Wirtschaft, so Arbeitsministerin Andrea Nahles, zeige großes Interesse an einer besseren Integration von Flüchtlingen. Das sieht auch Bahram Habib, Leiter der „AG selbstständiger Migranten“ der Handelskammer Hamburg so. “Viele der Flüchtlinge, besonders aus Afghanistan, Iran, Syrien, sind sehr gut gebildet”, sagt Bahram Habib, „die Firmen sind dankbar, wenn sie zuverlässige Auszubildende bekommen, auch wenn sie natürlich investieren müssen in junge Leute, die noch nicht so gut deutsch sprechen.”

Was heißt dies für D&I Praktiker? Will Deutschland nachhaltig im internationalen Wettbewerb bestehen, so sollten andere Sprachen und Kulturen konsequenter als Bereicherung gesehen werden. Nach dem „Potenzial-Prinzip“ sind Offenheit, Empathie, Aufgeschlossenheit und aktive Einbeziehung die Schlüsselelemente für die Nutzung von Unterschieden. Nur durch die effektive Gestaltung von Vielfalt – in diesem Fall mit unmittelbarer und eventuell dramatischer Flüchtlingserfahrung – können Mehrwerte entstehen. So unterschiedlich die konkreten Geschichten von AsylantInnen sind, so vielfältig sind auch ihre Potenziale. Dies sollten sich Arbeitgeber bewusst und aktiv zu Nutze machen.

Die Politik mag sich an dieser Stelle am enormen Engagement der CSU orientieren, die in den 1950er Jahren als einzige Partei Flüchtlingswahlkreise forderte und Vertriebenen auf Flugblättern mitteilte „Eure Not ist unsere Sorge. Gemeinsam schaffen wir’s.“ Erstaunlich, wie sich das Vokabular der Partei und ihrer großen Schwester seither verändert hat…