Papst Franziskus überrascht mit neuem Stil und neuen Tönen

Jahrhunderte lang waren Klöster eine unausgesprochene Zuflucht auch für Menschen, die den normativen Lebensstil der Gesellschaft nicht erfüllen konnten oder wollten. So offensichtlich diese Beobachtung sein mag, so vehement wurde sie ignoriert und verleugnet. Der Wertewandel der letzten Jahrzehnte zwang die katholische Kirche zu einer neuerlichen Auseinandersetzung, die unter Benedikt XVI. zunächst zu einer Verhärtung der althergebrachten Haltung gegen Homosexualität und neue Lebensstile führte. Franziskus pflegt einen ganz neuen Umgang und schlägt neue Töne an; einzig bleibt unklar, was er wirklich meint.
„Wenn jemand schwul ist und guten Glaubens den Herrn sucht – wer bin ich, über ihn zu urteilen?“ Ein Satz, der für aufgeklärte Zeitgenossen – mit Ausnahme des guten Glaubens vielleicht – selbstverständlich erscheint und dennoch einen medialen Wirbel ausgelöst hat. Die Aufregung liegt am Urheber des Satzes, Papst Franziskus. Über den Wolken des Atlantik, auf dem Weg von Brasilien nach Rom, gab dieser eine spontane und denkwürdige Pressekonferenz, die ihm viel Beachtung und weiteres Lob einbrachte; auch von Kommentatoren, die nicht im Verdacht stehen der katholischen Kirche lobhudelig zuzustimmen. Allerdings: schon in den ersten Medienberichten wurde klar, dass unklar ist, was von dem Satz übrig bleiben wird. Die Süddeutsche Zeitung brachte es auf den Punkt: „Der Papst hat gesprochen, nun rätselt man, was er gemeint hat.“
Einige Kommentatoren interpretieren die Worte des Papstes als entscheidende Wende und selbst die FAZ bezeichnet die Aussage als neuen Realitätssinn mit „einem hohen Maß an Idealismus“. Klaus Jetz, Vorsitzender des Lesben- und Schwulenverbands, freut sich über den neuen Tonfall des Papstes und Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, spricht von „neuer Hoffnung“; Außenminister Guido Westerwelle schließlich bezeichnet die Aussagen des Papstes als „bemerkenswert“ und hofft auf neue Diskussionen. Willkommen in der Welt der Politik.
Dass der heutige Papst, der sich einst als Kardinal von Buenos Aires über die Bürgerrechte der Schwulen und Lesben beklagte (!), nun fordert, die Homosexuellen nicht an den Rand zu drängen, kann als Teil einer Wandlung angesehen werden, die schon viele auf dem Weg in ein Spitzenamt vollzogen haben. Ob sie jedoch wirklich eine neue Haltung andeuten, ist keinesfalls klar – denn Franziskus bleibt selbstverständlich dabei, dass das Ausleben von Homosexualität nicht akzeptabel sei. Dies wiederum führt uns direkt zu den Gerüchten um Kardinal Ratzinger, über dessen angebliche Homosexualität auch öffentlich gesprochen wurde – sie soll gar Grund für seinen, hinter den Kulissen erzwungenen, ebenso plötzlichen wie mysteriösen Rücktritt gewesen sein.
Für die katholische Kirche insgesamt werden sich die neue Töne des Papstes zunächst wohl kaum auswirken, denn wie die taz richtig anmerkt, der Papst nennt letztlich die Prinzipien der „ehernen Grundlage des Katechismus“, die maßgeblich von seinem Vorgänger definiert wurden – damals als „Feindbild der Schwulen-Bewegung“ (BILD) tituliert. Franziskus erweitert die bisherige Lesart und sagt, dass die katholische Lehre die Diskriminierung von Homosexuellen verbiete und auch deren Integration notwendig sei. Die homosexuelle Veranlagung ist nach den Worten des Papstes also nicht sündhaft, das Praktizieren der Homosexualität hingegen schon. Ob diese (nicht ganz neue) Grenzziehung einen großen Spielraum für Hoffnungen auf eine liberalere Kirche erlaubt, bleibt fraglich. Die meisten Medien vermuten, dass dieser Papst wohl nicht an den grundsätzlichen Prinzipien der Kirche rütteln wird. Er machte bereits deutlich, dass Frauen weiterhin nicht für ein Priesteramt in Frage kommen. Allerdings merkt der Tagesspiegel an, dass es innerhalb der Kirche Kräfte gibt, die bereits weiter sind als der Papst. So forderte der Berliner Kardinal Woelki vor gut einem Jahr, dass homosexuelle Partnerschaften mit heterosexuellen Partnerschaften gleichzusetzen sind, wenn sie auf „Treue und Verbundenheit“ beruhen.