Neue Impulse: Führungskräfte und Work/Life Balance

Langsam und stetig rückt das Thema Kultur & Führung weiter ins Zentrum von Diversity und Work/Life. Dieser Erkenntnis folgend hat der Regionalbotschafter Hessen für „Erfolgsfaktor Familie“, Michael Müller, Vorstandmitglied der Fraport AG, das Thema „Führungskräfte zwischen Karriere und Familie“ ins Zentrum einer Fachkonferenz gestellt. Eine Zusammenfassung.

Bei der Bearbeitung der Führungskultur aus Sicht von Work/Life-Balance stoßen PraktikerInnen immer wieder an bestimmte Knackpunkte, die Großteils im Unternehmen und teilweise im Privatbereich liegen: Die Präsenzkultur hinterfragen, erfolgreiche TopShare-Modelle etablieren, Umschalten auf „Family First“, Abwesenheitszeiten gestalten, Absprachen in der Partnerschaft treffen, Führungskompetenzen von Eltern (an)erkennen, Neue Arbeitsformen initiieren. Genau diese neuralgischen Punkte standen im Zentrum einer Konferenz, zu der die Fraport AG eingeladen hatte. Knapp 100 ExpertInnen aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft folgten der Einladung und diskutierten offen und engagiert über die Themen, die von SpezialistInnen und ModeratorInnen begleitet wurden.

Es beginnt „zu Hause“

Die besten betrieblichen Instrumente können nur wirken, wenn die Grundlage für deren Nutzung im Privaten gelegt ist. Eine Themeninsel beleuchtete, wie „zu Hause“ effektive und gesunde Regelungen getroffen werden können. Die Diskussion arbeitete drei wesentliche Ansätze heraus:

  • Klare Regeln, saubere Absprachen und eine solide Organisation der Familienpartnerschaft
  • Akzeptanz, Offenheit und Verständnis füreinander, für die jeweiligen Sichtweisen, Bedürfnisse und Möglichkeiten
  • Loslassen, Verantwortung übernehmen und Rollenfragen ansprechen

Für Führungskräfte stellen sich diese Vereinbarungen mitunter komplex dar, da eventuell eine größere Zahl von Aspekten in verschiedenen Kontexten und zeitlichen Zusammenhängen zu regeln ist.

Eine aktuelle Studie zum Thema Partnerschaftlichkeit finden Sie hier:http://de.diversitymine.eu/studie-beschwoert-partnerschaftlichkeit-und-sieht-dennoch-vaeter-und-betriebe-in-der-pflicht/

Saubere Grenzziehung: Family First

Vom Privatbereich stellt sich in Richtung der Arbeit immer wieder die Frage der Abgrenzung – gerade für Führungskräfte. Die Themeninsel, moderiert von Edith Ebbesmeier (Adidas) und Mario de Alessio (Fraport), beleuchtete daher sowohl persönliche Situationen wie die Führungsrolle und Implikationen für die geführten Teams. Ein Fazit bestand in der Empfehlung, dass die Notwendigkeit von Prioritätensetzung wie im Beruflichen auch im Privaten wichtig sei. Beim Umschalten (auf Privatmodus) ist – ebenfalls wie in der Führungsrolle – das Einbeziehen der Familie und des Teams wesentlich; am besten mit klaren Regelungen.

Topshare: Einfache Einstiegslösung – dennoch unterbewertet

Das ‚Mustertandem‘ Gasse / Schröder der Lufthansa lieferte die Impulse für die Themeninsel zum Thema TopShare bzw. Shared Leadership. Für das Modell gibt es nach Einschätzung der Gruppe noch wenig Akzeptanz. Entsprechend trugen die TeilnehmerInnen sowohl die Vorteile des Modelles (komplementäre Kompetenzen, hohe Verfügbarkeit, Motivation) sowie Aspekte der Implementierung (Tandembörsen zum Finden von PartnerInnen) zusammen.

Präsenz als ungeschriebenes Gesetz der Führungskultur

Das verbreitete Phänomen der Präsenzkultur betrachtete die Themeninsel 1. Auf Basis neuer Führungsaufgaben und -Möglichkeiten, u. a. im Kontext von Digitalisierung und Globalisierung, erhielten die TeilnehmerInnen von Diversity-Experte Michael Stuber Impulse zu Top-Down- (KPIs oder ausgleichende Vorgaben) und Bottom-Up-Ansätzen (eigene Gestaltungsmöglichkeiten nutzen), mit denen Präsenzkulturen aufgeweicht werden können. Viele Einzelbeispiele zeigten die Möglichkeiten, die vielerorts nachgeahmt werden können: Führungstandems, aktive Delegation zur Ermöglichung von Abwesenheit, Jüngere, die andere Arbeitsweisen ins Unternehmen bringen, Telefonate von zu Hause aus, Auszeit für Schulanfang, später kommen um Spielzeug zu reparieren, auch mal widersprechen. Als Erfolgsfaktoren wurden klare Absprachen oder gar Regeln genannt (z. B. Freitage, geschlossene Tür = Ruhe, freier Tag = nicht ansprechbar, Ergebnisorientierung, Anderen die eigene Flexibilität zugestehen, kommunikative Führungsrolle definieren, Anwesenheitszeiten oder Präsenz-Meetings festlegen). Weiterhin wurden förderliche Aspekte der Unternehmenskultur erwähnt: Vertrauen, Ergebnisorientierung, Mut, Sensibilität für Lebensphasen, Lernprozess (Organisation / Team). Vorhandene Infrastruktur wurde allgemein als unverzichtbar angesehen (Laptops, Smartphones, Videokonferenzen), eine Kompatibilität mit dem Kerngeschäft erleichtert den Ansatz (z. B. Projektgeschäft vs. Vorfeldlogistik) wie auch ein Kosten- und Zeitvorteil (z. B. Erleichterung durch Reduzierung von Reisezeiten).

Einen Überblick zum Thema Unternehmenskultur und Vereinbarkeit finden Sie hier: http://de.diversitymine.eu/vereinbarung-und-unternehmenskultur-von-grossen-worten-zu-starken-taten/

Fazit und Ausblick

Sowohl die anfänglichen Beiträge vor und bei einer Talkrunde wie auch der Fishbowl am Ende zeigten, dass die Schnittstelle von Führung, Unternehmenskultur und Work/Life Balance einige Komplexitäten und Untiefen bereithält. Aus politischer Sicht sind Betreuungsangebote sowie gesetzliche Anspruchsregelungen wesentlich. Dass Rahmenbedingungen und Instrumente nur ein Teil der Lösung sind, zeigen sowohl die Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre wie auch die Beispiele der Konferenz, die die Kraft von Vorbildern, die Bedeutung oberer Führungskräfte sowie vor allem das Beharrungsvermögen ungeschriebener Gesetze zeigen. Lösungen wie die Erweiterung von Führungsmodellen (Privat/Familienkompetenzen) oder Karrierepfaden (Abwesenheit als Baustein) sowie die gezielte Entwicklung von Unternehmenskulturen durch neuartige Change-Programme oder (Dialog)Formate illustrierten die vielversprechenden Handlungsfelder der unmittelbaren Zukunft.

 

Eine Fallstudie zum preisgekrönten Kulturentwicklungsprogramm der KfW finden Sie in diesem Fachbuch: http://diversity-consulting.de/daten_analysen/fachbuecher/diversity.html

Eine Fallstudie zu Dialog-Sessions als Baustein der Kulturentwicklung finden Sie hier:

http://de.diversitymine.eu/diversity-in-der-produktion-persoenlich-pragmatisch-und-professionell-vernetzt/