Homosexualität im Sport: Zwischen Fortschritten für die LGBT-Community und „Schwulen-Raten

Eigentlich sollte es nicht weiter verwundern, wenn von Zeit zu Zeit ein Sportler ein öffentliches Coming Out hat. Die taz rechnete beispielsweise vor, dass an den Halbfinals der Fußball-WM in Brasilien statistisch gesehen fünf homosexuelle Männer in den vier Kadern teilnahmen. Geoutet hat sich keiner dieser Männer und so ist es weiterhin eine Sensation, wenn sich ein Spitzensportler outet. Jüngst tat dies Ian Thorpe, seines Zeichens fünfmaliger Olympiasieger im Schwimmsport. Der Australier gab in einem Interview mit dem australischen Fernsehen bekannt, dass er nicht heterosexuell sei, und erntete prompt auch in Deutschland ein breites Medienecho.Unabhängig davon, ob die sexuelle Orientierung eines Sportlers überhaupt öffentlich relevant ist, möchte Thorpe ein Vorbild für Jugendliche sein, die unter einer ähnlichen Situation wie er zu leiden haben. Unisono betonen die deutschen Medien das jahrelange Versteckspiel von Thorpe; noch im Jahr 2012 bestritt er in seiner Autobiographie „This is me“ seine Homosexualität. Gleichzeitig litt Thorpe schwer unter der Selbstverleugnung, nahm unter anderem Antidepressiva. Warum aber outen sich aktive Sportler nicht öfter, warum ist das Outing ein solches Wagnis, wie die Süddeutsche Zeitung betont? Die Süddeutsche Zeitung gibt in einem aktuellen Online-Artikel gleich die Antwort, denn Homosexualität ist in der Gesellschaft immer noch mit einem negativen Beigeschmack behaftet. Dies findet beispielsweise seinen Ausdruck darin, dass der Teammanager der deutschen Fußballnationalmannschaft, Oliver Bierhoff, den Kommentar „die halbe Nationalmannschaft ist schwul“ in einem TV-Tatort als Angriff versteht und dementiert.
Die Süddeutsche Zeitung spricht in diesem Zusammenhang vom Volkssport „Schwulen-Raten“, die starke mediale Beachtung des Outings berühmter Sportler, Schauspieler oder anderer Prominenter spiegelt nicht nur das große Interesse der Öffentlichkeit an eigentlich privaten Aspekten des Lebens ihrer Idole wider, es wirft auch ein interessantes Licht auf den Stand der LGBT-Community in unserer Gesellschaft. Glaubt man einem Interview der Welt mit dem ehemaligen BP-Chef John Browne, dann steht es darum schlechter als so mancher glauben mag. Browne hält die Integration Homosexueller in Deutschland für rückständiger als in vielen anderen westlichen Ländern. Insbesondere in der Unternehmenslandschaft sehe es düster aus, ihm sei kein Konzernchef bekannt, der sich gegenüber der Allgemeinheit zu seiner gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung bekennt. Browne fordert jedenfalls mehr Vorbilder, homosexuelle und heterosexuelle, und ein stärkeres Engagement der Unternehmen für LGBT-Rechte.