Fremdeln oder Feindseligkeit? Umfrage zeigt in Deutschland Nachholbedarf der Wirtschaft Europäischer Wettbewerb weit voraus

Deutsche Unternehmen unterschätzen den Wert von Vielfalt und verschenken so erhebliche ökonomische Vorteile. Zu diesem Schluss kommt eine europaweite Umfrage, die die Kölner Diversity-Beratung mi.st [ Consulting durchgeführt hat. „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten verwundert dies, da die Konzerne besonders bemüht sein müssten, alle verfügbaren Potentiale auszuschöpfen“, kommentiert Projektleiter Michael Stuber das Ergebnis. In deutschen Firmen herrsche zumeist ein diffuses Bewusstsein für das Ausmaß demographischer Veränderungen und kultureller Individualisierung. Während häufig vorgeben werde, Unterschiede aktiv zu nutzen, sei der Großteil der Firmen in Deutschland lediglich bemüht, die Chancengleichheit von Frau undMann sowie die Vereinbarkeit von Familieund Beruf sicherzustellen. „Im europäischenVergleich ist dies doppelt rückständig“, merkt Stuber kritisch an. Einerseits sei dieser Ansatz„zu eng“, andererseits sei die deutsche Wirtschaft hiermit „fünf Jahre zu spät dran“.Die Deutsche Bank erkennt indes den Wert der ganzen gesellschaftlichen Vielfalt. „Es geht um einen knallharten Wirtschaftsfaktor,“ erklärt Aletta Gräfin von Hardenberg, DiversityConsultant beim Branchen-Primus ,gegenüber dem Handelsblatt. Gemischte Teams seien nicht unbedingt leichter zu führen, aber sie leisteten mehr. Wie die Deutsche Bank gehören drei Viertel der Befragungsteilnehmer zu den europäischen Top 100. Dennoch agieren laut Analyseergebnis die deutschen Großunternehmen vergleichsweise unprofessionell, wenn es um die Wertschätzung von Unterschiedlichkeit geht. „In Deutschland sind die Informationsdefizite bezüglich der wirtschaftlichen Vorteile von ‚Diversity’ unverständlich  groß“, behauptet Berater Stuber. Dagegen sprechen die Erkenntnisse der Lufthansa:„Diversity ist ein Ertragsthema. Produktivitätsreserven werden mobilisiert. Und: In buntgemischten Teams werden marktgerechtere Entscheidungen getroffen,“ bringt es die dortige Diversity-Managerin Monika Rühl gegenüber dem Handelsblatt auf den Punkt.Immerhin: Alle befragten Blue Chips akzeptieren und adressieren „Vielfalt“ als ökonomische Realität. „Dies dient mittelfristig auch der Kurspflege“, kommentiert Diversity-Spezialst Stuber unter Verweis auf amerikanische Indizes. Das wachsende Interesse an Informationen zu Individualisierung stuft er als vielversprechend und richtungsweisend ein. Der Berater beschreibt die Zukunft Deutschlands, indem er die Realität in Europa beschreibt: Aufgeschlossene Unternehmenskulturen als Basis für erfolgreiches Wirtschaften. Vielfalt als Vorteil im Kampf um knappe die bestenFachkräfte, Offenheit als Schlüssel zu erfolgreichen Veränderungs-Prozessen, Verantwortung für das Individuum als Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung. Immer mehr deutsche Konzerne rüsten sich für einen neuenWeg– jenseits des Einheitsdenkens.  Stuber sieht hierin zunächst „mehr eineAufholjagd als einen strategischen Vorteil“.