Exklusiver Buchauszug: Grundzüge des Wertewandels

Generation X, Generation Y und demnächst vielleicht schon Generation Z? Die zunehmende Individualisierung sowie der stetige und unaufhaltbare Wertewandel haben bereits deutliche Spuren in Wirtschaft und Gesellschaft hinterlassen. Sie stellen die Verantwortlichen vor immer neue Herausforderungen. Im folgenden Auszug aus seinem Fachbuch „Diversity & Inclusion – Das Potenzial-Prinzip“ stellt Diversity-Experte Michael Stuber die Grundzüge des Wertewandels dar und zeigt dessen Auswirkungen und Erfordernisse auf.

„Der Wertewandel spiegelt sich unter anderem in den Kernwerten und Präferenzen der Generationen wider. Derzeit dominieren die Baby-Boomer, die Generation X und die Millennials (Generation Next oder Generation Y) die Arbeitswelt. Letztere erwarten offene, multikulturelle Unternehmenskulturen, flexible Arbeitsplätze und -modelle sowie anpassungsfähige Vergütungssysteme und Karrierewege. Auf der Prioritätenliste der BerufseinsteigerInnen der Generation Y stehen interessante Tätigkeiten, ein aufgeschlossenes Umfeld und durchlässige Organisationen ganz oben. Ein von Diversity geprägtes Unternehmen berücksichtigt diese Wertvorstellungen der heutigen und künftigen Arbeits- und Absatzmärkte. Andererseits zeigt das letzte Jahrzehnt auch eine Wiederkehr traditioneller Werte wie Sicherheit, Gehalt oder gewisse Statussymbole, die zuvor eher der älteren Generation zugeschrieben wurden. Dieses Phänomen beschreibt der Begriff „Wertesynthese“ (Klages 2001). Es bedeutet jedoch nicht, dass nun traditionelle Werte wieder im Vordergrund stehen oder die neuen Werte verdrängt werden. Vielmehr besteht ein Nebeneinander der teilweise widersprüchlich anmutenden Werte (Noelle-Neumann et. al. 2001). Dies kann auf der einen Seite bedeuten, dass eine Familie zwar Sicherheiten wie eine dauerhafte Arbeitsstelle, ein festes Gehalt und vielleicht eine Immobilie haben möchte, und auf der anderen Seite das Leben in vielen unkonventionellen Hinsichten spüren möchte.

Mit dem grundlegenden Wertewandel verändern sich auch die Einstellungen gegenüber der Arbeit. Mitsprache, selbstverantwortete Eigenaktivität und Eigendisposition sowie der Abbau übermäßiger Kontrollen gelte als wichtige Eckpunkte der heutigen Beschäftigtengeneration. Eines hat sich dabei jedoch nicht verändert: Der Beruf nimmt nach wie vor eine zentrale Stellung im Leben ein (Statistisches Bundesamt 2002, S. 490 ff.). „Arbeit wird zum unverwechselbaren Baustein der geistigen, seelischen und körperlichen Subjektbildung. Sie rückt in der Wertehierarchie allmählich ganz nach oben, verschmilzt mit dem Glanz von Würde. Arbeit wird zu einem prägenden Persönlichkeitsmerkmal“ (Negt 2001, S. 72). Dies ist zum Beispiel daran erkennbar, dass sich viele Menschen über ihren Beruf definieren oder gesellschaftlich verorten. Der Beruf ist so bedeutend, dass unser soziales Ansehen in der Gesellschaft und folglich unsere Zufriedenheit durch ihn mitbestimmt werden. Die berufliche Tätigkeit bildet somit eine Teilidentität unserer Persönlichkeit. Die Berufsrolle und die beruflich bestimmte soziale Position (Berufstätige sind in erster Linie Rolleninhaber bzw. Funktionsträger, von denen ein bestimmtes Verhalten erwartet wird.) haben insofern eine wichtige Funktion in der Prägung und Stabilisierung von Personen. Darüber hinaus bestehen Handlungs- und Interpretationsspielräume, die eine Selbstdarstellung und Selbstbehauptung ermöglichen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit sich die Berufspersönlichkeit mit der privaten Persönlichkeit deckt bzw. welche Interdependenzen herrschen.

Betrachtet man die Berufsbilder der heutigen Zeit, so fällt auf, dass sowohl fachliche als auch persönliche Qualifikationen von einer Person verlangt werden, die sich oft nur schwerlich trennen lassen. Die Kombination aus sozialen und fachlichen Kompetenzen im Umgang mit Kunden bildet zum Beispiel eine Basis für den Erfolg in einem entsprechenden Job. Da meist nur Teile einer Persönlichkeit angesprochen werden, bleiben andere Fähigkeiten und Eigenschaften ungenutzt. Ein zentraler Ansatz von Diversity & Inclusion ist in diesem Zusammenhang, Personen umfassender mit all ihren Eigenschaften und Fähigkeiten wahrzunehmen und dadurch idealerweise zusätzliche Potenziale zu aktivieren und eine höhere Zufriedenheit zu erzielen. Dabei übernehmen Kollegen, Vorgesetzte, Untergebene usw. eine wesentliche Funktion (generalised other). Im Zuge der Selbstbeschreibungsprozesse erkennen Menschen persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten, und sie assoziieren sich über Gemeinsamkeiten mit bestimmten Gruppen und grenzen sich über Unterschiede von anderen ab. Diese Prozesse laufen in Zeiten zunehmender Individualisierung deutlich komplexer, vielgestaltiger und teilweise unklarer ab.

Für Arbeitgeber besteht die besondere Notwendigkeit, Identitätsprobleme beim Individuum dadurch zu vermeiden, dass das Arbeitsumfeld vielfältige Individuen positiv anerkennt und Kulturen entstehen lässt, die auf die Ziele eines Unternehmens ausgerichtet sind, ohne sich als Konformitätszwang auszuwirken. So können Unternehmen ihren MitarbeiterInnen ermöglichen, vielfältige Identitäten zu entwickeln. Mit Blick auf Diversity & Inclusion erscheinen zwei Aspekte wesentlich:

o Erstens ist davon auszugehen, dass die Vielfalt in einem Unternehmen, das das Potenzial-Prinzip anwendet, größer ist oder wird als in anderen Unternehmen. Daher ist die Auswahl an Personen bzw. Gruppen größer, mit denen sich eine Person identifizieren kann. Dadurch verbessert sich die Möglichkeit der Selbstbeschreibung und die Risiken von Identitätsproblemen verringern sich.

o Da das Potenzial-Prinzip eine relativ freie Entfaltung aller Personen im Unternehmen ermöglicht, unterstützt es die Entwicklung der Berufsidentität und letztlich der Identität insgesamt. Allerdings kann eine zu große Heterogenität im Unternehmen, und die damit einhergehende stärkere identitätsbestimmte Abgrenzung von anderen, auch zu einer Isolation führen.“

 

Weitere Informationen zum Fachbuch „Diversity & Inclusion – Das Potenzial-Prinzip“ sowie zu den Bestellmöglichkeiten erhalten Sie auf dieser Website.