Börse Hannover startet Aktienindex für Gender Diversität

Die Börse Hannover lancierte kürzlich eine neue Orientierungshilfe für private und institutionelle Anleger, die beim Investieren das Kriterium einer hohen Gender Diversität besonders berücksichtigen wollen. Dieser GERMAN GENDER INDEX umfasst 50 Aktien deutscher Unternehmen, die bei der Unternehmensführung durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Führungskräften in Vorstand und Aufsichtsrat hervorstechen. Wir stellen den Index vor und werfen einen kritischen Blick auf das zugrundeliegende Konzept.

Der Index bildet börsentäglich aktuell die Wertenwicklung bedeutender Aktien von Unternehmen ab, die das Leitbild einer hohen Gender Diversität verfolgen. So bietet er allen Marktteilnehmern einen praktischen Wegweiser beim Investieren in Aktien solcher Unternehmen, die sich aktiv um die Besetzung von Frauen in der obersten Führungsebene engagieren.

Die Auswahl der Aktien im Index erfolgt nach einem transparenten, für alle Anleger nachvollziehbaren Verfahren. Dabei werden in einem ersten Schritt die nach Freefloat-Marktkapitalisierung 300 größten deutschen börsennotierten Unternehmen ermittelt und anschließend bezüglich der definierten Liquiditätsanforderungen geprüft. Im zweiten Schritt wird der Anteil weiblicher und männlicher Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder dieser Firmen erhoben. Unternehmen mit einer paritätischen Besetzung erhalten die höchstmögliche Bewertung.

Diversität im Vorstand wird doppelt so stark gewichtet wie die im Aufsichtsrat, da die Auswirkungen von Vorstandsentscheidungen für den Kurs des Unternehmens höher einzustufen sind. Die 50 Unternehmen mit der besten Gesamtbewertung werden in den Index aufgenommen. Die Zusammensetzung des GERMAN GENDER INDEX wird fortlaufend überwacht. Zusätzlich erfolgt halbjährlich eine stichtagsbezogene Prüfung und gegebenenfalls ein Rebalancing.

„Kaum ein Thema im Bereich Diversität hat in der Öffentlichkeit jüngst so große Aufmerksamkeit erfahren wie das Thema Gender. Als wertneutrale Navigationshilfe unterstützt der GERMAN GENDER INDEX Anleger dabei, ihre Geldanlage auf einfache Weise nach Kriterien von Diversity und Governance zu gestalten“, kommentiert Dr. Sandra Reich, Geschäftsführerin der Börse Hannover. „Er macht das Thema für Anleger auf einen Blick transparent und weist ihnen einen schnellen Weg zu engagierten Unternehmen.“

Seit dem 22.04.2015 hat auch der Privatanleger die Chance, an diesem Index zu partizipieren. Mit dem „Ampega GenderPlus Aktienfonds“ legt die Ampega Investment GmbH als erste Kapitalverwaltungsgesellschaft einen Publikumsfonds auf, der den GERMAN GENDER INDEX als Grundlage für das Portfoliomanagement hat. Aus dem Index-Universum selektiert Ampega dividenden- und wachstumsstarke Qualitätstitel für die finale Titelauswahl. „Wir sehen die große Bedeutung des Themas in der Öffentlichkeit“ so Manfred Köberlein, Geschäftsführer der Ampega Investment GmbH. „Umso mehr freuen wir uns, im Schulterschluss mit der Börse Hannover, diesen innovativen Index über unser Produkt einer breiten Öffentlichkeit zugängig machen zu können. Mit dem Fonds ermöglichen wir es auch privaten Investoren, der Idee einer Gender-Parität in Führungspositionen zu folgen. Wir sind von diesem Ansatz überzeugt und setzen entsprechend hohe Erwartungen in den Fonds.“

Es ist nach so kurzer Zeit zwar noch zu früh über den Erfolg des Gender Index zu urteilen, doch bei kritischer Betrachtung und der Einbeziehung bisheriger empirischer Befunde zu diesem Thema, zeigt sich durchaus ein ambivalentes Bild solcher Diversity-Aktienindizes. Während einige der im IBCR 3.0 in der Sektion „Shareholder“ zusammengefassten Studien durchaus zeigen, dass börsennotierte Unternehmen mit Diversity in verschiedenen Regionen wie z. B. den USA oder Südamerika höhere Börsenwerte, größere Profitabilität oder auch bessere „earnings quality“ aufweisen, so zeigen andere durchaus Einschränkungen dieser positiven Effekte. Das Zusammenspiel von Diversity und Aktienperformance ist nach wie vor stark untererforscht und zentrale Fragen über Ursache und Wirkung sind bis heute unbeantwortet. Somit sieht sich ein solcher Aktienindex bislang stets dem Vorwurf ausgesetzt, dass nicht Gender Diversity zu besserer Performance führe sondern umgekehrt. Damit wiederum würde Diversity zu einem Thema, welches man sich als Unternehmen „leisten kann“ oder nicht; eine fatale Sicht, ist doch aus anderen Bereichen empirisch fundierter bekannt, dass gut durchdachtes Diversity Management zu vielfältigen wirtschaftlichen Mehrwerten führt.

Hinzu kommt das Problem der Messung von Diversity; der GERMAN GENDER INDEX misst lediglich die Repräsentanz von Frauen und dies auch nur in Vorstand und Aufsichtsrat. Nicht nur wird damit die Bedeutung von Diversity in der Belegschaft ignoriert, auch wird angenommen, dass bereits die schiere Existenz von mehr Frauen in Führungspositionen zu wirtschaftlichen Vorteilen führe. Entscheidend für den Business Case ist aber nicht nur die (repräsentative) Vielfalt, sondern auch das Diversity-Klima, Diversity-bezogene Fähigkeiten bei Management und Belegschaft, Einbeziehung (Inclusiveness) und das Vorhandensein von Offenheit. Erst diese Variablen ermöglichen es, das Potenzial-Prinzip D&I wirkmächtig werden zu lassen.