Bedenkliche Entwicklung der Akzeptanz von Vielfalt in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Wenn Medien, die Politik oder Unternehmen in Artikeln, Broschüren oder Sonntagsreden den Wert von Vielfalt lobpreisen, scheint Diversity ein fester Bestandteil der Kultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sein. Ein Trugschluss, wie aktuell der „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ der Bertelsmann  Stiftung zeigt. Eine Metaanalyse internationaler Umfragen stellte einen Vergleich verschiedener OECD- und EU-Staaten an, unter anderem zur Akzeptanz von Diversität.
Seit 1989 haben sich in Deutschland die sozialen Netze und das Vertrauen in die Mitmenschen stetig verbessert und sind aktuell im oberen Mittelfeld der untersuchten Länder angelangt. Die Akzeptanz von Vielfalt hat sich hingegen verschlechtert und liegt im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld und unter dem Niveau der frühen 1990er Jahre, als Deutschland noch in der Spitzengruppe lag. Das Land hat insofern nicht dieselbe gesellschaftliche Entwicklung in Richtung Diversity vorgenommen wie andere Länder, zum Beispiel in Skandinavien. Bedenklich ist dabei vor allem der lang anhaltende Trend der abnehmenden Akzeptanz von Andersdenken oder Anderssein. „Mit schlechter Konjunktur ist dies nicht zu erklären,“ kommentiert der Diversity-Experte Michael Stuber, „vielmehr zeigt sich hier die Auswirkung der zaghaften Haltung von Politik und gesellschaftlichen Meinungsführern in Sachen Diversity“. Opportunistische Äußerungen zu Migrationsthemen, gerichtlich erzwungene Gesetzesanpassungen und hinderliche Quotendiskussion bei gleichzeitig fehlendem Aktionsprogrammen zur Wertschätzung von Vielfalt seien die Dauerdefizite der Landesführung. Auch der Bertelsmann-Radar geht davon aus, dass sich die wenig positive Entwicklung bei weiterer Nichtbeachtung vermutlich nicht ändern wird; für ein Umsteuern sei es jedoch noch nicht zu spät. Der Bericht möchte indes nicht von einer absoluten Verschlechterung der Akzeptanz sprechen, sondern nur von einer schlechteren Entwicklung als in anderen Staaten.
Noch schlechter als in Deutschland steht es um die Akzeptanz von Vielfalt in Österreich und der Schweiz. In Relation zu den 34 anderen untersuchten OECD- und EU-Staaten liegt die Akzeptanz der Diversität in beiden Ländern in den Jahren 2009 bis 2012 deutlich im unteren Mittelfeld. In beiden Länder ist die Entwicklung negativ; sie haben im Vergleich zu anderen Staaten deutlich an Boden verloren. Österreich sackte Mitte der 2000er Jahre gar in die Schlussgruppe ab. Gleichzeitig ist indes das Institutionenvertrauen und die Anerkennung sozialer Regeln in beiden Staaten stark ausgeprägt, was der Bertelsmann-Radar als „alpenländische Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ bezeichnet.
Die Frage, ob gesellschaftlicher Zusammenhalt durch wachsende Vielfalt gefördert oder gefährdet wird, beantwortet die Radar-Studie zumindest indikativ: Vielfältigere Gesellschaften weisen keinen geringeren Zusammenhalt auf und statistische Analysen zeigen sogar, dass ein höherer Anteil von Migrantinnen und Migranten zu einem stärkeren Zusammenhalt in den jeweiligen Gesellschaften führt. Eine klare Kommunikation dieser Erkenntnisse durch Politik, Medien und Meinungsführer könnte den verbreiteten populistischen Tendenzen den Boden entziehen, die zu einer Ablehnung von Minaretten, Protesten gegen Homo-Ehen und Alltagsrassismus – zum Beispiel in Fußballstadien – führen.